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#6

Mir is bereits relativ zu Beginn mal etwas nachts aus dem Mülleimer entgegengesprungen. Damals hab ich mich sehr erschreckt, ich wollte nur etwas wegschmeißen und hatte plötzlich etwas leicht klitschiges auf dem Fuß, was dann ganz flink unter den Kühlschrank gerannt ist. Letztens ist mir genau das selber wieder passiert, aber das Lich war an und ich kann nun meine Vermutung bestätigen: Es war ein Babygecko, der auch ganz schön süß aussieht, aber sich eben immer mindestens so erschreckt wie ich.


Zwei Häuser neben uns befindet sich ein Supermarkt namens "Le marché". Man kann also vermuten, dass der Besitzer ein Franzose ist, von denen es auch nicht wenige hier gibt. Er macht seinen Job ziemlich gut, jeden Tag gibt es neben dem ausländerfreundlichen (weil importierte Produkte) Sortiment, allerlei französische Backwaren. Wir kaufen uns regelmäßig ein Baguette und haben auch eben immer die Möglichkeit uns ein Schokocroissant zu gönnen und das muss ja manchmal einfach sein!

"Le marché" ist ein noch grandioserer Ort geworden, seit im ersten Stock "Le Café" entstanden ist. Sehr bedacht und schick eingerichtet ist es dort und es gibt nun auch ein "Breakfast-Set" (Ein Croissant und ein Café Latte) für USD 2,50 im "Le Café" im "Le Marché".


Egal ob in einem Restaurant oder auf einer vermeindlich schicken Hochzeit: beim Essen werden Reste, Servietten oder leere Dosen unter den Tisch geworfen. Mittlerweile stehen aber deswegen in manchen Restaurants kleine Mülleimer unterm Tisch, dass die Gäste ihren Müll gleich dort hinein werfen. Bei beiden Hochzeiten, die ich bereits besuchen durfte, gab es keinen. Und irgendwie war es für mich etwas ironisch, dass die Gesellschaft so schick gekleidet und der Saal so prunkvoll geschmückt ist und man seinen Müll unter den Tisch wirft. Wenn abgedeckt wurde, was auch schon während der laufenden Feier der Fall war, sobald ein Tisch ohne Gäste war, entpuppte sich beim Entfernen der Tischdecke, was die Gäste hinterlassen hatten.


TukTuk Storytime: An ein und dem selben Tag hatte ich zusammen mit Jana, die mich zum Arzt begleitete, zwei sehr unterschiedliche TukTuk Erlebnisse. Wir vereinbarten einen Preis mit dem ersten TukTuk Fahrer, der dann erstmal tanken ging. Wir beschlossen dann doch nicht nach Hause sondern nochmal woanders hinzufahren und fragten ihn, ob er uns dort hinfahren könnte. Mit Google Maps prüften wir noch die Entfernung und es waren überraschenderweise nur um die 300 m Weg von der Tankstelle. Nun saßen wir ja schon und fragten ihn deshablb, ob er uns für maximal einen Dollar vielleicht dort hinfahren könnte. Scheinbar empört, sowas gefragt zu werden, erklärte er uns, dass man mit dem TukTuk nirgendwo für unter einen Dollar oder eigentlich für zwei hinkommt. Er war nicht besonders freundlich, wir diskutierten kurz und beschlossen dann, dass wir jetzt einfach hinlaufen. Das wollte er erst nicht und da es regnete waren die Seiten des TukTuk mit einem Regenschutz zu und er versperrte quasi den Eingang, da er von dort mit uns sprach. Irgendwann gab er dann nach, wir stiegen aus und bevor wir gingen, wollte er, dass wir für die schon gefahrene Strecke (maximal 100 m) zur Tankstelle (!!) etwas bezahlen. Erst lehnten wir ab und schlugen dann vor ihm 50 Cent oder ähnliches zu geben. Die wollte er dann allerdings auch nicht und ließ uns endlich genervt gehen.

Auf der Fahrt nach Hause begegnete uns dann das andere Extrem. Wir handelten, stiegen ein und bemerkten schnell, dass der TukTuk Fahrer uns ständig durch den Spiegel anstrahlte. Er fragte, woher wir kommen und was wir hier machen, bevor er recht bald verkündigte, dass er eine von uns heiraten wolle. Natürlich freundlich, aber entschieden verneinten wir. Wir zahlten bei Ankunft, wurden immernoch angestrahlt und bevor wir gingen noch von ihm nach unserer Handynummer gefragt. Diese Frage mussten wir leider auch verneinen und liefen dann ein bisschen schneller als normalerweise nach Hause.


Eines Abends war ich mit Jana und Maria auf dem Night Market an der River Side. Wie der Name schon verrät, liegen seine Öffnungszeiten im dunklen Teil des Tages. Wir  fahren also nach der Arbeit gegen 18/19 Uhr mit dem TukTuk (keine besondere Geschichte) hin, essen wie es dort üblich ist auf Matten auf dem Boden eines kleinen Platzes und stöbern dann durch die Kleidungsstände. Für $3 kaufen Maria und ich uns zwei kurze Unterziehhosen für unter Röcken und Kleider und auch wenn ich ja eigentlich gar nichts kaufen möchte, entscheide ich mich noch für ein weißen T-Shirt mit einer Palme und den kambodschanischen Schriftzeichen für "Palme" in schwarzem Aufdruck und einem roten Fahrrad darauf. Ich redete mir ein, es sei für mich gemacht und die $ 2,50 die ich minimal gehandelt hatte, sprachen auch nicht dagegen.

Als ich es zum ersten Mal im Office trage, will ich eigentlich nahfragen, ob die Schriftzeichen auch tatsächlich richtig sind, aber noch bevor ich das machen kann, sagt Kimsrien, dass ihr Verwandter diese T-Shirts produziert! :) ...und ja, es heißt Palme.


Schon vor einiger Zeit habe ich festgestellt, dass ich ein Loch im oberen Backenzahn habe. Auch, weil ich immer ein bisschen krank war und Halsschmerzen einen nicht zum Zahnarzt locken, habe ich das ein bisschen aufgeschoben. Netterweise ist der Mann von einer von Kimsriens Cousinen Zahnarzt. Da ich ihn auf der Hochzeit kennengelernt hatte und Vertrauen in ihn hatte, entschied ich mich zu ihm zu gehen, statt irgendwo anders hin. Kimsrien begleitet mich und fährt mich nach der Arbeit hin.

Wie ich auch schon davor einmal gesehen hatte, ist seine Praxis quasi ein Glaskasten im Wohnzimmer. Einige Familienmitglieder, jung und alt treiben sich davor herum. Dass man nicht von allen beobachtet wird, kleben Sichtschutz-Sticker an den Glasscheiben. Es ist schön alle wieder zu sehen, sogar das Hochzeitspaar ist da. Man kennt noch meinen Namen, ich quatsche auch wieder mit Mali und den andern Kindern.

Ich gehe also hinein und setze mich auf den Zahnarztstuhl. Er erklärt mir dann, dass es sich um kein neues Loch handelt, sondern um eine kaputte Füllung. Er habe eine Füllung mit gleicher Qualität da und würde sie mir erneuern. Allerdings hat er nur eine pinke Füllung, da er das normalerweise nur bei Kindern macht, "but it's a very cute colour". Kurz verwirrt, dass es pinke Zahnfüllungen gibt, finde ich es schnell amüsant und denke mir:"Gut, dann wird sie halt pink." Als ich beim Entfernen der alten Füllung ein bisschen mit dem Gesicht zucke, weil es etwas schmerzt, sagt er immer ganz lieb "Sorry Tess!" und beim wieder befüllen, stellt er gleich nochmal fest: "Oh, it's a cute colour, it will look very cute." 

Tja, was soll ich sagen, es sieht ziemlich cute aus, aber es sieht ja niemand...außer mein nächster Zahnarzt, der sich vielleicht auch ein bisschen wundert.


Kambodscha und der Plastikmüll: Alles, was wir einkaufen - egal, ob im Supermarkt oder auf dem Markt - bekommen wir in Plastiktüten. Man kriegt auch nicht selten eine Plastiktüte, um alle einzelnen Plastiktüten in die Plastiktüte zu machen. Auch, dass aus der Leitung kein Trinkwasser kommt produziert viel Plastikmüll: leere Plastikflaschen. Es gibt an der Straße viele Möglichkeiten, sich einen schmackhaften Eiscafé oder einen Smoothie für um die $ 2 zu kaufen. Diese bekommt man natürlich auch in einem Plastikbecher. Manche Stände und Cafés geben einem sein Getränk auch in einem harten Plastikbecher. Diese benutzen wir dann noch zu Hause als Becher, allerdings werden davon bestimmt auch viele nach einmaligem Benutzen weggeworfen. Ich weiß nicht wie komische es für die Verkäufer wäre, mit einem solchen Becher wiederzukommen und sein Getränk da rein haben zu wollen. Lösung? Ich habe keine. Manchmal gehe ich mit einer Stofftasche zum Markt, um zumindestens die große Tüte für alle Plastiktüten zu sparen. Und die Plastiktüten nehmen wir als Müllbeutel. Manchmal verneinen wir auch die Plastiktüten im Supermarkt und kommen mit Taschen, bis wir keine Mülltüten mehr haben.

Was mit dem ganzen Müll passiert? Ich bin mir ziemlich sicher, dass das meiste verbrannt wird. Vorallem in der Provinz kam mir schon das ein oder andere Mal eine Wolke mit dem Duft von brennendem Plastik entgegen.

In Phnom Penh wird übrigens jede Nacht der Müll abgeholt, wir sammeln ihn in einem Karton vor dem EIngang des Hauses. So sieht man auch manchmal nachts Menschen die auf der Straße, die den Müll in Wägen einladen oder sortieren, den sie dann per Hand schieben. Wohin, weiß ich nicht. Behinhaltet der Müll noch etwas essbares, gehen Straßenhunde und -katzen daran. Diese gibt es übrigens nicht selten, aber auch nicht an jeder Ecke.


Vor dem Zahnarztbesuch gehen Kimsrien und ich zusammen Abendessen. Sie möchte mir neues kambodschanisches Essen zeigen: "Banchauo" und "Numkruk". "Banchauo" ist eine Art salziger Eier-Crêpe, der mit Schweinefleisch, manchmal kleinen Schrimps und Sojosprossen befüllt ist. Man isst ihn mit den Händen. Wir waschen also gründlich unsere Hände, setzen uns wieder hin und schnappen uns ein Salatblatt des dazu servierten Grünzeug-Tellers. Dann wird ein Stück vom Teig abgerissen, mit dem man sich dann Füllung nimmt und beides auf das Salatblatt legt. Jetzt noch eine Gurke darauf, Salatblatt zusammenrollen und schon hat man eine Art mundgerechten/zwei-bissen Happen in der Hand, der noch in eine Soße getippt wird, bevor er im Mund landet. Schmeckt sehr gut!

"Numkruk" ist der Name von einer Art fritierten Reisbällchen. In dem Teig sind keine ganzen Körner, sondern Reismehl und/oder -milch und Schnittlauch glaube ich. Ich weiß es nicht genau, weil das einfach so gut ist...man muss ja auch nicht alles hinterfragen.


Meldung: Ohne Facebook läuft hier gar nichts. Unsere Landesmentorin Lim ist nicht die EInzige, die ihr Business fleißig über Facebook führt. Der Kollege einer Freiwilligen von Via e.V. erklärt mir noch, dass der Grund dafür nicht nur das Mitteilungsbedürfnis und die Selfie/Fotosucht der Kambodschaner ist. So viele Kambodschaner sind auf Facebook, weil sie darüber auch an Nachrichten kommen. Radio und Fernsehen seien zensiert, über Facebook komme man noch an unabhängige Nachrichten.

Es ist außerdem interessant, dass auch die Ministerien auf Facebook vertreten sind. Wetternachrichten und -warnungen (wie bei 17 Grad Kälte in der Provinz) werden genauso gepostet, wie das Bild von Hun Sen und Trump, die bei der ASEAN Konferenz scheinbar befreundet einander die Hände schütteln. Noch unverständlicher für mich: es ist auch üblich Bilder von Unfällen und Morden zu posten. So ging zum Beispiel das Bild einer von ihrem Ehemann erschossenen Sängerin durchs Netz. Nur Bilder von erschossenen Regierungsgegnern gibt es nie...


Nebensache: Der genannte Kollege hat dasselbe Handy wie ich. Ich hatte mir ja hier, nachdem meins entwendet wurde, ein neues gekauft. Das habe ich mal zum Anlass genommen, ihn zu fragen, ob seins ebenfalls Speicherprobleme hat. Mein interner Speicher war nämlich schon voll, als ich es bekam. Um Apps herunterzuladen, musste ich einen Haufen Khmer-Musik Apps und was mir sonst noch installiert worden war, löschen. Ja, er hat das gleiche Problem. Trotz 32 GB Speicherkarte gratis dazu, kann ich ganze vier Apps herunterladen. Meine Hoffnung, dass ich einfach zu blöd zum Einstellungen ändern bin, sind damit dann auch gestorben. Er ist Kambodschaner und wird sich mit andern Kambodschanern und den Verkäufern darüber unterhalten haben können.


Meldung: Seit einigen Wochen habe ich eine Lächle-Freundschaft mit einer  Kaffee Verkäuferin auf meinem Arbeitsweg. Wann immer ich mit dem Fahrrad an ihrem Straßenstand vorbeifahre, lächeln wir uns wortlos, aber freundlich an.


Meldung: Ich hatte meinen ersten Mini-Unfall im Straßenverkehr. Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass vier Monate eine recht lange Zeit sind, in der mir noch nichts passiert ist. Auch dieser "Unfall" war harmlos und ist vor allem komplett meine Schuld. Eines Morgens machte ich mich wie immer auf den Weg zur Arbeit. Sehr in Gedanken und verträumt wie immer, vergaß ich nochmal nach hinten zu gucken, bevor ich links abbog. Und genau in diesem Moment wollte mich von links ein Motorradfahrer überholen. Unsere Lenker verhakten sich irgendwie miteinander, wir fuhren gefühlt eine Ewigkeit eingehakt nebeneinander und guckten uns verwirrt an, bevor wir recht langsam auf seine Seite umfielen. Ich  merkte schnell, dass es an meiner Wade ziemlich heiß wurde - sein Auspuff. Zwei Mäner halfen uns auf und führten uns an den Straßenrand. Es tat mir furchtbar leid, ich entschuldigte mich mehrfach und gab dem Fahrer ein Taschentuch, da er eine kleine Wunde am Knie hatte. Ohne ein Wort mit mir zu sprechen, fuhr er aber recht schnell wieder davon, Die Männer fragten noch, ob bei mir alles ok ist und rückten meinen Korb zurecht. Bis auf eine kleine Verbrennung an der Waden die ich dann im Office kühlte, war alles ok, Über den Schreck kam ich auch recht schnell hinweg und habe dadurch wohl gelernt, dass ich, nur weil ich mich daran gewöhnt habe, den Phnom Penher Verkehr nicht zu locker nehmen sollte.


Dank Kreativität und der Idee, uns jeden Tag gegenseitig mit kleinen Geschenken bis Weihnachten zu beglücken, starteten wir in die Adventszeit mit einem Andventskranz aus Dosen, Teelichtern und billigen Christbaumkugeln und verzierten unser Wohnzimmer mit fünf unterschiedlichen Adventskalendern aus Corflakespackungen, selbstgemachten Kartons und beklebten Zigarettenpäckchen. So versuchten wir ein bisschen Weihnachtsstimmung trotz ungewohntem Weihnachtswetter und einem generell ganz anderen Leben in unsere Wohnung zu holen.


Weitere kurzgeschichten und Meldungen kommen Bald... :)

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